Kapitel 5
"SCHEISSE!", fluchte Lucrezia. Sie sprang auf, warf ihren kleinen Gefangenen weg wie eine Zigarettenkippe und suchte noch Mal in der Menschenmasse nach den beiden. Kein Gerald oder Philip.
"VERDAMMTES UNGEZIEFER! JETZT SIND SIE WEG!", schrie sie die kleinen Menschen wuterbrannt an.
Lucrezia, in Rage, stampfte mit ihren Füssen auf die Menschen, immer und immer wieder. Sie zertrat und zerquetschte sie alle wie Ameisen, fluchend und schimpfend. Die Winzlinge starben zu dutzende unter ihre riesigen Füße, Autos wurden in den Weg hinein gepresst, Bäume zerbrachen als ob sie aus hauchdünnes Glass gemacht waren. Es war schon schlimm genug als sie die Menschengetötet hatte als Spiel, aber jetzt war sie wütend. Keiner konnte sie entkommen oder sich irgendwo schützten, da Lucrezias Füße eine große Oberfläche bedeckten und kein Versteck ihr enormes Gewicht widerstehen konnte. Die herumrennenden Menschen trampelten und fielen über einander her, bis die gewaltigen Füße der Renaissance-Frau sie zusammen presste zu blutige Fleischstücke.
"VERDAMMT SEIT IHR! KREPIERT ALLE!", schrie Lucrezia wieder. Sie trat und stampfte auf die, für ihr, Fingergliedgrosse Menschen an ihren Füssen, ohne Gnade. Nach etwa drei Minuten waren sie alle tot. Das Ufer des Kansasflusses sah aus als ob jemand Tomatensuppe darüber ausgeschüttet hatte.
Lucrezias Wut nahm etwas ab als sie jeden der Winzlinge getötet hatte. Sie ging in die Knie und suchte erneut nach Gerald und Philip, vielleicht waren sie ja doch dabei. Sie wusste welche Farbe ihre Kleider hatten, also würde sie die beiden schon erkennen. Aber sie fand nichts. Also lebten sie noch, und waren ihr tatsächlich entwischt. Weit konnten sie allerdings nicht gekommen sein, alles war ja so klein gegen ihr.
Lucrezia stand wieder auf und sah sich um. Es dauerte nicht lange bis sie die beiden in der Ferne erblickte. Sie fuhren auf einer dieser schnellen Metallpferde, wie sie die Motorräder nannte, weil sie noch nie eins gesehen hatte.
"Oh, nein, meine Freunde, ihr entkommt mir nicht“, murmelte sie. "Ich will meinen Spaß haben hier im Reich der Lebenden, wenn auch nur für eine Stunde. Ich will Macht kosten und Angst einflössen, und ihr werden das nicht vorzeitig beenden...", dachte Lucrezia als sie die beiden Brüder wieder anfing hinterher zu laufen.
Gerald und Philip hatten gesehen wie Lucrezia den kleinen Mann zu ihren Gesicht hoch hob. Dann bekam Philip plötzlich eine Idee. Er griff Gerald beim Ärmel und leitete ihm weg von der Strasse, zu einem verlassenen Motorrad das er gesehen hatte. Der vorige Eigentümer hatte es umgeworfen und war wohl in Panik abgehauen.
"Los, steig hinten drauf und halt' dich gut fest, “ sagte er zu Gerald.” Ich habe eine Idee."
Er fuhr an Lucrezia vorbei, die zum Glück nichts bemerkte da sie immer noch auf den kleinen Mann in ihrer Hand starrte. Dann schoss er über die Brücke, die jetzt dank ihr automatisches System wieder geschlossen war. Sie hatten ungefähr 8 Kilometer gefahren als Gerald, der hin und wieder umschaute sah, wie Lucrezia sie wieder folgte.
"Sie hat uns gesehen! Sie sitzt uns wieder auf den Fersen!", schrie er über das Brüllen des laufenden Motors.
"Wir müssen in den Bergen“, rief Philip zurück, wie wild fahrend. "Zum Ozark-Gebirge, da könnte ich sie abschütteln." Er wusste, wohin er ging und hoffte dass sein Plan gelingen würde.
Lucrezia folgte die beiden Brüder, die Brücke zerkrümelte zu kleinen Steinchen als sie darauf trat. Der Verkehr am anderen Ende interessierte ihr auch nicht (ein Stau hatte sich mittlerweile gebildet), nur das Motorrad. Ihre mit Blut beschmierten Füße zertraten Lastwagen, Busse und zahllose Autos und machten Löcher in den Boden die groß, lang und tief genug waren um als kleine Schwimmbäder und Ententeiche dienen zu können.
"Da!", rief Philip als er das Ozark-Gebirge erreicht hatte. Er fuhr zu einem Tunnel der durch eine der größeren und längeren Exemplare der Berge gebaut war. Er wusste, dass es ein langer Tunnel war, und der Berg selber war etwa 700 Meter hoch, mehr als fünf Mal Lucrezias Größe.
"Wir fahren hinein“, rief er über seine Schulter. "Dann erzähl' ich dir mein Plan!"
Lucrezia lief die beiden hinterher ins Ozark-Gebirge, dass ihr vorankommen etwas hinderte. Es war für sie wie über felsige Dünen laufen.
Philip fuhr in den Tunnel, und machte dann den Motor aus.
"Was machst du?" fragte Gerald, verwirrt.
Philip erklärte Gerald sein Plan. Sie würden in den Tunnel bleiben und warten, bis die Polizei oder die Armee Lucrezia ausgeschaltet hatten. Natürlich konnte sie selber nie in den Tunnel hinein. Sie brauchten nur zu warten.
"Entweder wir bleiben zwei Stunden hier, oder sie wird eliminiert. Wie auch immer, hier sind wir sicher!" sagte er zum Schluss.
"Aber warum folgt sie uns denn?" fragte Gerald.
"Hast du das nicht gehört? Sie denkt dass wir ihr wieder ins Totenreich zurückschicken können. Aber das geht nicht. Sogar wenn wir das Buch noch hätten, ginge es nicht, das weißt du ja. Und sie glaubt wenn sie uns tötet, niemand sie etwas anhaben kann. Sie kann dann machen was sie will bis die drei Stunden um sind."
"Ah ja, ich weiß wieder, “ sagte Gerald und setzte sich erschöpft hin.” Und ich nehme an das es nicht viel hilft, wenn wir ihr sagen dass wir sie nicht verbannen können, wie?" fragte er.
"Nein“, antwortete Philip. Er zitterte am ganzen Körper. Die wilde Jagd und die vielen Tote machten ihm zu schaffen.
Das Innere des Tunnel wurde durch elektrisches Licht erhellt, sie saßen daher nicht im Dunkeln. Ein paar Autos fuhren an die beiden vorbei, Richtung Lucrezia. Ihre Fahrer wussten offenbar nicht, was los war. Philip war traurig als er sie vorbeifahren sah. In ein paar Minuten waren sie höchstwahrscheinlich Plättchen unter Lucrezias mächtigen Füße, da sie ohne Zweifel auf den Tunnel zulief.
Lucrezia zertrat tatsächlich die Autos die ihr entgegen kamen. Sie war sich dessen nur vage bewusst. Das Geräusch von quietschen Bremsen und krachendes Metall unter ihren Füssen drang kaum in ihr Gehirn durch. Sie schaute nur auf dem Weg am anderen Ende des Bergs, wartete auf das den Tunnel verlassende Motorrad, aber sah keins.
"Ah, ihr haltet euch also da drinnen versteckt, ihr Schlaumeier?", dachte sie nach ein paar Minuten. "Und ihr glaubt wohl, ich könnte euch so nicht kriegen, wie? Na, dann warte mal!"
Der Eingang des Tunnels war etwa so groß wie Lucrezias Faust, und obwohl sie 120 Meter war, konnte sie den massiven Berg nicht abreißen. Der Tunnel war außerdem drei Mal länger als ihren Arm, also hineingreifen hätte auch kein Sinn, die beiden hielten sich bestimmt in der Mitte des Tunnels auf. Mit den Händen auf den Hüften stand sie vor den Tunnel und sah den Berg an.
"Zeit für drastische Maßnahmen“, dachte Lucrezia. Ein Auto fuhr mit voller Geschwindigkeit gegen ihren großen Zeh. Es sah danach aus wie ein Proppen Aluminiumfolie. Lucrezia spürte es nicht einmal.
Gerald und Philip, die sich in der Tat in der Mitte des Tunnels aufhielten, hatten Lucrezia vor den Eingang stehen gesehen, jedenfalls ein Teil ihres enormen Fußes. Dann sahen sie, wie sie wegging.
"Geduld“, sagte Philip. "Die Armee wird sie bombardieren. Ja, nur die Geduld bewahren..."
"Je länger sie sich hier aufhält, je weniger Zeit sie hat um mehr Zerstörung an zu richten, oder was auch immer sie vorhat“, sagte Gerald. "Wenn wir lange genug warten, verschwindet sie wieder und..."
Auf einmal wurde es dunkeler im Tunnel. Das Tageslicht das aus beiden Ausgängen des Tunnels hinein trat war weg. Gerald und Philip sahen, dank der elektrischen Beleuchtung, wie zwei riesige Finger, einen durch jeden Ausgang, den Tunnel hineingleiten. Es dauerte ein paar Sekunden bis sie begriffen was geschehen war.
Dann wurde ihnen schlecht. Sehr schlecht.
"Neeeiiiin...", jammerte Gerald. " Bitte, bitte, neeeiin..."