„Na? Seid ihr spät dran?“
Kyoko schüttelte den Miniaturzug ein wenig durch.
„Ist ja klar, wenn ihr alle so Schlafmützen seid. Aufwachen!“
Sie schüttelte stärker. Die kleinen Menschen wurden wie Sandsäcke durch die Zugabteile geschleudert, prallten gegen Stangen, Sitze und gegeneinander. Schmerzensschreie drangen hörbar aus allen Abteilen. Der Riesin entging das nicht.
„Seid ihr jetzt schon alle tot, oder was? Kommt schon, das war doch jetzt gar nicht so krass.“
Sie schüttelte noch stärker. Die Kopplungen gaben nun endlich nach und lösten sich. Der mittlere der drei Waggons verlor jegliche Verbindung und fiel mit einem schepperndem Krachen zurück auf den Boden. Es blieb nichts als ein Haufen verbogenen Metalls, mit Glassplittern und Blut gesprenkelt. Kyoko sah nicht einmal nach unten, als der 'Modellzug' aus ihren Fingern glitt.
„Oha. Das wollte ich echt nicht. Aber na ja, kann man nichts machen. Die müssen wenigstens nicht mehr arbeiten. Ist doch eigentlich ganz ok, findet ihr nicht auch?“
Sie dachte kurz nach.
„Zwei Waggons haben wir noch, eh? Einen davon...“
Der Zugteil in ihrer rechten Hand verbog sich wie eine Stück Alufolie, als die Gigantin ihre Finger um ihn schloss und fest zudrückte.
„...brauchen wir nicht mehr.“
Sie entspannte ihre Finger wieder und ließ den Waggon einfach fallen.
*Crrrrrashhhh*
Ihre Augen wanderten zu dem letzten verbliebenen Stück des Zuges in ihrer linken Hand.
„Und ihr habt leider auch Pech gehabt. Ich hab nämlich ein bisschen Hunger.“
Mit einer schnellen Bewegung riss sie den Wagon in zwei Teile. Ein unerträgliches und metallisches Quietschen füllte die Luft, und erneut fegte ihr Gekicher über die Stadt hinweg.
„Hah~ Wie 'ne Lunchbox! Perfekt!“
Langsam führte sie eine Hälfte des Zuges an ihren Mund. Die hilflosen Menschen waren derweil außer sich vor Panik – sofern sie noch laufen konnten. Diese blöde Riesenschlampe wollte sie doch nicht allen Ernstes aufessen. Das konnte sie nicht tun. Oder?
„Ich werd euch auch nicht kauen! Versprochen! Dann dürft ihr schön ein paar Stunden in meinem Magen leiden, während ihr langsam und qualvoll sterbt! Klingt doch mega gut, oder?“
Sie öffnete ihren gewaltigen Mund und hielt die Zughälfte an ihre weichen Lippen. Wie ein Tütchen vom Kiosk, das mit leckeren Süßigkeiten gefüllt war, schüttelte sie ihre armen Snacks noch ein letztes Mal durch, bevor sie auf ihrer feuchten Zunge landeten. Ihre 11 Meter langen Lippen schlossen sich sofort wieder, und für die kreischenden Menschen in ihrem Mund blieb nichts als Dunkelheit.
*Gulp*
„Puha. Das waren ganz schön viele. Bestimmt an die 50? Ich werd noch fett, hahah~“
Sie ließ den leeren halben Waggon achtlos fallen und schüttete sich die Menschen aus der anderen Zughälfte genau so schnell in den Mund. Es kitzelte ein wenig, als 60 Winzlinge versuchten sich auf ihrer Zunge zu bewegen.
*Gulp*
Die Riesin stand zufrieden wieder auf. Zerquetschte Autos regneten ihr Hosenbein hinab und zerstörten Gebäude, die Kyoko bisher verschont hatte. Das letzte Stück Zug warf sie einfach in die Ferne, und viele Kilometer weiter zerschellte das Wrack mit voller Wucht an einem Bürogebäude und riss weitere Menschen in den Tod.
„Das war doch spaßig. Hier gibt’s doch sicher noch mehr lustiges Zeug!“
Ihre blau-grünen Augen blickten freudig zu ihren Füßen, auf der Suche nach einem weiteren interessanten Spielzeug. Aber die Straßen in ihrer unmittelbaren Nähe wirkten bereits wie leergefegt, auch die Züge schienen alle nicht mehr wirklich fahren zu wollen. Vermutlich waren die meisten Menschen bereits geflüchtet oder warteten in ihren Häusern auf das Unausweichliche. Kyoko blickte gelangweilt von links nach rechts.
„Maaaan...! Ihr scheiß Winzlinge! Warum haut ihr immer ab? Das bringt euch doch eh nix!“
Ihre arrogante Stimme, so laut wie der Antrieb eines Düsenjets, ließ jede Fensterscheibe erzittern.
„Ihr kommt jetzt alle auf der Stelle raus! Ihr habt genau zehn Sekunden. Und wenn ihr nicht auf mich hört, dann wird’s euch super schlecht gehen. Habt ihr verstand--“
Kyoko hörte plötzlich auf zu sprechen. Sie hatte ihr Spielzeug gefunden. Ein Linienbus, der sich einen Weg durch die kaputten Straßen zu bahnen schien, fuhr nur wenige Schritte von ihr entfernt Richtung Autobahn. Wieder breitete sich ein süßes Lächeln auf ihren Lippen aus.
„Vergesst das wieder. Ihr könnt machen, was ihr wollt.“
Sie stampfte los. Es waren für sie nur ein paar Meter Entfernung, aber für einen normalen Menschen waren es sicher einige Kilometer. Entsprechend viele Häuser fielen ihren Füßen zum Opfer, als sie ohne jegliche Gefühlsregung ihrem Ziel entgegen trampelte. Auch die betonierten Straßen gaben unter ihrem titanischen Körper einfach nach, und bei jedem ihrer Schritte bildeten sich um ihre Schuhsohlen breite Risse im Asphalt.
*Boom*
*Boooom*
Mühelos wurde Beton, Metall und Fleisch unter ihren gigantischen Sandalen begraben. Zurück blieben nichts als 45 Meter lange Fußabdrücke, die mit den Überresten der ehemals stolzen Stadt gefüllt waren. Gnadenlos trat sie alles nieder, was sich ihr in den Weg stellte. Die 15 Polizeiwagen und 50 Beamten zu ihren Zehen bemerkte sie nicht mal, als sie fast schon erregt ihre Hand nach dem fliehenden Bus ausstreckte. Ein paar Scheiben zersprangen, als ihre massiven Finger das lange Gefährt berührten und es vorsichtig in die Luft hoben. Und da waren sie wieder. Die Schreie. Kyoko setzte den Bus auf ihrer Handfläche ab und erhob sich zu ihrer vollen Größe.
„Jaja, blabla. Ihr habt alle Angst und so. Ist mir egal.“
Ihr sadistischer Blick fiel auf die Türen des kleinen Busses. Er schien komplett voll zu sein.
„Steigt mal alle aus. Und wenn ihr nicht in zwei scheiß Sekunden draußen seid, lass ich euch einfach fallen. Alles klar?“
Beide Türen des Busses öffneten sich fast sofort. Die Riesin sah amüsiert dabei zu wie die Winzlinge versuchten sich herauszudrängen und auf die unebene Oberfläche ihrer Hand stolperten. Etwa 10 Menschen hatten es heraus geschafft.
„Uuuund die Zeit ist um!“
Mit ihrer freien Hand schnappte sich Kyoko den Bus (der natürlich immer noch mit Menschen gefüllt war) von ihrer Handfläche, zerdrückte ihn wie eine Coladose und schmiss ihn lieblos weg. Die Buspassagiere auf ihrer Hand, denen das rechtzeitige Aussteigen geglückt war, blickten nun verängstigt hoch in ihr Gesicht. Zwei junge Frauen begannen zu weinen. Ein anderer konnte nicht aufhören zu schreien. Ein Pärchen redete auf Kyoko ein und flehte sie um Gnade an. Die Gigantin starrte genervt zurück in die winzigen Gesichter.
„Ey. Ihr haltet jetzt ALLE die Fresse!“
Sie schrie fast schon. Um ihrer Aussage Nachdruck zu verleihen, stampfte sie donnernd mit dem Fuß auf den Boden. Ein paar kleinere Gebäude um Kyoko herum stürzten durch das kleine Erdbeben ein und begruben ein paar Unglückliche unter sich. Alle Winzlinge auf ihrer Hand hielten augenblicklich den Mund.
„Ihr kleinen Idioten. Fuck! Ihr seid SO nervig!“
Die Riesin musterte die kleinen Menschen argwöhnisch. Ihre Augen wanderten schließlich zu einer hübschen jungen Frau, die nur sehr leicht bekleidet war. Sie schien allein zu sein und kauerte hinter den anderen 'Gefangenen 'auf der anderen Seite ihrer Handfläche.
„Du da. Die kleine blonde da hinten. Steh mal auf. Ich will mit dir reden. Ihr anderen haltet die Schnauze, kapiert?“
Langsam erhob sich die Frau und blickte in Richtung Kyoko, die bedrohlich auf sie hinab sah.
„Geht das noch langsamer?“
- „I-Ich b-bin doch schon da.“
„Wie auch immer. Wie heißt du?“
- „N-N-Nina."
„Hi Nina. Ich bin Kyoko...“
Das Riesenmädchen schien plötzlich interessiert. Ihre Augen schienen fast zu leuchten als sie ihre Hand ein wenig näher an ihr Gesicht hielt, um Nina noch besser sehen zu können.
„Hey. Du bist ja voll süß~“
- „D-D-Danke...“
„Pass auf, Nina. Ich hab mir für dich ein tolles Spiel ausgedacht. Ist extra für so ganz Süße wie dich~“
- „E-Ein S-Spiel?“
„Ja. Ich erklär' dir die Regeln.“
Die anderen Menschen auf Kyoko's Handfläche blickten verwirrt umher und sahen sich fragend an. Was hatte sie nun vor?