THUD.
THUD.
Meine Knie verwandelten sich in Pudding. Was, wenn es schiefgehen würde? Nein... derlei Gedanken waren nun fehl am Platze.
THUD.
THUD.
Ich konnte sie nun sehen. Anmutig kamen die Riesinnen genau auf mich zu. Sie waren nur noch wenige Sekunden entfernt und steuerten genau auf die Weide zu, auf der ich stand.
THUD.
Die blonde Gigantin blieb genau vor mir stehen. Ihre braunhaarige Freundin folgte kurz hinter ihr und sah ebenfalls auf mich hinab. Ich machte mir nun beinahe in die Hose. Oh Gott! Das war ein schlechter Plan!
Ich atmete tief ein, während ich den Blick der Riesinnen auf mir spürte. Du kannst das! Du kannst das! Komm schon!
Ich hob einen Arm und winkte ihnen zu.
„S-S-Seid g-gegrüßt, G-Gigantinnen...!“
Die blonde Riesin wirkte verwundert und kniete sich nun vorsichtig hin, um mich genauer betrachten zu können. Scheinbar schien sie keine bösen Absichten zu haben, sonst wäre ich vermutlich schon tot gewesen. Ihre gigantischen Zehen sanken genau vor mir tief in die Erde, als sie ihr gesamtes Gewicht auf sie verlagerte. Es war absurd. Wie viel sie wohl wog?
Trotz meiner nun sehr akuten Todesangst war der Anblick nicht weniger als atemberaubend. Meine Panik wich fast schon einer Art Ehrfurcht. Ich konnte kaum an mich halten, als sie ihren Mund öffnete. Sie war... wunderschön!
„Du...! Du warst doch gestern auf dem Marktplatz! Wer bist du? Wo ist deine Frau?“
Ich zitterte. Es war kein schönes Gefühl, von so einem mächtigen Wesen direkt angesprochen zu werden. Verdammt noch eins!
„Oh, äh... ja...! I-Ihr habt recht! D-Das war ich!“
Die Riesin musste plötzlich lächeln. Ich verstand nicht ganz, was sie beabsichtigte.
„Du musst keine Angst haben. Wir tun dir nichts. Versprochen!“
Ich atmete ein wenig auf. Meine Anspannung war immer noch deutlich zu spüren, aber ich fühlte mich etwas lockerer. Ich fand es fast schon beeindruckend, dass sie meine Körpersprache so gut lesen konnte, obwohl ich im Vergleich zu ihr so winzig war.
„Ich... möchte mich mit euch unterhalten. Es ist wichtig!“
Die blonde Riesin drehte sich zu ihrer braunhaarigen Freundin um, die immer noch hinter ihr stand und einfach nur zuzuhören schien. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder mir zu.
„Unter... unterhalten...? Es tut mir leid, aber Anina erlaubt uns nicht, mit euch zu sprechen. Eigentlich dürfte ich auch jetzt nicht mit dir reden! Wenn sie uns sieht, macht sie uns fertig. Und dich auch! Also gehst du jetzt am besten in dein Haus zurück. Wir holen nur ein paar Rinder und sind wieder weg.“
So ein Mist! Nein! Das war nicht gut! Ich rang nach Worten.
„O-oh, ähm...“ stotterte ich. „B-Bitte! Ich möchte euch helfen. Nein - UNS helfen...!“
Die beiden Gigantinnen lächelten. „Helfen? Wie willst du uns bitte helfen? Du kannst uns nicht helfen, Kleiner.“
„I-Ich habe einen Plan! Aber dafür müssen wir reden! Ihr müsst mir glauben!“
Ich ging nun ein Risiko ein. Ich legte meine Karten auf den Tisch - ich musste es einfach probieren!
Zitternd sprach ich weiter. „Ich weiß, dass Anina euch unterdrückt! Ihr wollt das hier alles gar nicht, oder? Ihr seid keine Monster wie sie!“
Die blonde Riesin wurde plötzlich still und sah erneut zu ihrer Freundin, die jetzt verwundert und nachdenklich in die Ferne blickte.
„Ich kann euch wirklich helfen! Aber dafür müssen wir zusammenarbeiten! B-Bitte...! Lasst uns reden!“
Die blonde Riesin setzte eine ernste Miene auf. Sie schien nachzudenken und sah mich dann mit traurigen Augen an.
„Ich... ich kann mir zwar nicht vorstellen, wie jemand wie du uns helfen könnte. Aber... ich möchte dir glauben. Du... du hast recht. Wir können das hier nicht mehr länger mit ansehen! Es tut uns weh, die Menschen so leiden zu sehen!“
Mein Herz setzte kurz aus. Ich hatte es geschafft! Hah! Gerade, als ich zur Erklärung ansetzen wollte, unterbrach mich die blonde Riesin jedoch.
„Wir können es nicht hier tun. Wenn Anina uns sieht, haben wir keine Chance! Wir treffen uns heute Nacht am Strand. Ist das für dich in Ordnung? Ich werde alleine kommen, dann sollten wir sicher sein. Ich möchte euch so gern glauben...“
Plötzlich fiel mir etwas ein, als sie den Strand erwähnte. Das Schiff und meine Crew...! Obwohl ich um alles in der Welt wissen wollte, was mit ihnen geschehen war, schluckte ich diese Frage herunter. Es war der falsche Zeitpunkt dafür.
„In Ordnung“, antwortete ich ihr. „Ich werde da sein.“
Die blonde Gigantin lächelte mild und stand dann wieder zu ihrer vollen Größe auf. Ich konnte trotz meiner Angst nicht genug von diesem Schauspiel bekommen. Es war einfach faszinierend. Einnehmend. Eindrucksvoll.
Ich sah den Riesinnen dabei zu, wie sie etwa ein Dutzend Rinder mit ihren Fingerspitzen einsammelten und sie in ihren riesenhaften Händen hielten, fest eingeklemmt zwischen ihren Fingern. Ich konnte mir nur ausmalen, was die Tiere denken mussten. Realisierten sie überhaupt, was gerade mit ihnen passierte?
Ich blickte den Gigantinnen noch eine Weile hinterher, als sie in der Ferne verschwanden. Als sie schließlich nicht mehr zu sehen waren, brach ich atemlos in mich zusammen. Uff. Eine unglaublich große Last fiel von meinen Schultern. Ich hatte es tatsächlich geschafft. Unfassbar. Immer noch zitternd, aber freudig gestimmt machte ich mich auf den Weg zurück ins Haus der alten Dame, um allen von meinem Treffen zu berichten. Was Fiona wohl denken würde?
- - -
„Ich kann echt nicht glauben, dass du dich einfach vor sie gestellt hast! Du bist doch krank!“
Ich lachte laut auf. Fiona konnte es immer noch nicht begreifen. Immer und immer wieder fragte sie, wie ich dieses Treffen organisiert hatte. Wir waren inzwischen zusammen auf dem Weg zum Stand, die Sonne war bereits untergegangen und der Mond schien schwach durch die Baumkronen des Waldes.
„Ich hab' ihnen einfach gesagt, was Sache ist!“
Fiona schnaufte. „Ja, klar. Erzähl doch keinen Mist!“
Ich resignierte schließlich. „Ja, ja. Du hast ja recht. Mir haben die Knie gezittert. Aber sie waren wirklich freundlich. Unsere Vorahnungen haben sich also bewahrheitet!“
Wir setzten unseren Weg fort und erreichten erneut den Waldrand. Wir versteckten uns zwischen ein paar Büschen und machten uns darauf gefasst, eine lange Zeit zu warten. Es wurde immer später, und ich merkte, wie Fiona unruhiger wurde.
„Mach dir keine Sorgen. Uns wird nichts passieren.“
Sie lachte. „Das sagst du so leicht.“
Weitere zwei Stunden vergingen, ehe wir die typischen Beben wahrnahmen.
THUD.
„Das muss sie sein“, flüsterte ich.
THUD.
THUD.
Es dauert nicht lange, bis die blonde Riesin auftauchte und sich vorsichtig auf dem Sand niederließ. Nicht weit von uns entfernt. Fiona stand der Mund offen. Sie konnte immer noch nicht fassen, wie groß diese Frau war.
Ich packte ihren zitternden Arm und zog sie nach oben. „Komm, gehen wir zu ihr.“
Langsam stolperten wir auf die Riesin zu. Sie hatte uns bereits entdeckt und nickte uns freundlich zu. Als wir genau vor ihren Füßen stehen blieben, hob sie ihre Hand zum Gruße.
Sie lächelte freundlich. „Guten Abend. Ich hoffe, ihr seid wohlauf.“
Wir nickten ihr zu, ehe der Blick der Gigantin auf Fiona fiel.
„Du...! Du warst doch auch auf dem Markplatz, nicht wahr?“
Fiona fiel fast in Ohnmacht. „J-J-Ja, w-war ich...!“
Die Riesin lächelte sanft. „Hab keine Angst. Bitte. Ich tue dir nichts. Wir sind hier um zu reden, oder?“
Das war mein Zeichen. Ich ging in die Initiative.
„Ja, richtig. Vielleicht wäre es angebracht, dass wir uns erstmal vorstellen. Ich bin Rykard, Schiffskapitän. Neben mir steht Fiona, meine Expertin für Botanik. Wir grüßen euch.“
Die Riesin lächelte erneut. „Seid gegrüßt. Ich bin Ava.“ Sie machte eine kurze Pause. „Du erwähntest, dass du Kapitän bist. Heißt das, dass ihr beide...“
„Genau. Wir sind gestern auf dieser Insel gestrandet. Wisst ihr vielleicht, was mit unserem Schiff passiert ist? Es ist verschwunden. Es lag hier draußen samt Crew vor Anker. Auch unser Landungsboot hat sich scheinbar in Luft aufgelöst.“
Die Gigantin sah zu Boden. Scheinbar war ihr das Thema unangenehm. „Ich... ich denke schon. Anina hat uns befohlen, das Schiff und die Crew zu entführen...“
Ich bekam einen Schreck. „Ent... Entführen?!“
„Macht euch keine Sorgen. Eure Crew ist wohlauf...! Wir haben sie auf die andere Seite der Insel gebracht. Anina wollte sie... befragen.“
Fiona war plötzlich hellwach, ihre Angst schien wie weggeblasen. „B-Befragen? Was meint ihr damit?“
Ava senkte erneut ihren Blick. „Das ist eine lange Geschichte...“
Fiona breitete fordernd ihre Arme aus. „Dann erzählt sie uns! Was geht hier überhaupt vor? Wie seid ihr so gigantisch geworden?“
Ava sah uns nun traurig an. Sie tat mir fast leid.
„Bis vor Kurzem waren wir noch so groß wie ihr...! Ja. Wir waren ganz normale Menschen. Aber alles änderte sich, als wir hier ankamen.“
Fiona und ich lauschten gespannt. Keiner von uns wagte es, sie zu unterbrechen.
„Auf unserer Heimatinsel gab es einen grausamen Krieg. Es ist eine recht kleine Insel, dennoch haben sich dort zwei völlig unterschiedliche Kulturen entwickelt. Mit der Zeit haben sich diese Kulturen in verfeindete Nationen entwickelt, und...“
Sie schluckte merklich.
„...vor wenigen Wochen haben sie uns angegriffen. Alles stand in Flammen. Freunde, Familie... ich glaube, sie haben es nicht geschafft...“
Ich sah, wie Avas Augen feucht wurden und versuchte schnell, sie zu beruhigen. „Das... das tut mir Leid. Ihr habt mein Mitgefühl.“
Die Riesin wischte sich die Tränen aus den Augen und versuchte, zu lächeln.
„Schon... schon in Ordnung.“ Sie machte eine erneute Pause und seufzte. „Als... als es fast schon zu spät war, wurde ich zusammen mit Anina und Melina auf ein Boot verfrachtet. Ein seltsamer Mann war mit uns an Bord. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen, aber er versprach uns, uns von der Insel und in Sicherheit zu bringen. Wir glaubten ihm. Zwei Tage später landeten wir hier an einer Küste... auf der anderen Seite der Insel. Alles schien in Ordnung, er hatte uns gerettet. Seine Navigation war tadellos.“
Ich musste sie kurz unterbechen. „Ist Melina eure braunhaarige Freundin?“
Ava nickte sanft und fuhr fort.
„Wenige Stunden nach unserer Ankunft verhielt sich der Mann merkwürdig. Er redete nur noch wirres Zeug über Vergeltung. Rache. Er hatte scheinbar eine Art Plan. Er sagte, dass er uns dafür brauchen würde. Zu der Zeit verstanden wir noch nicht, was er meinte.“
Die Geschichte nahm plötzlich eine dunkle Wendung. Was mag wohl passiert sein?
„Dann geschah es. Er reichte uns schließlich seine Feldflasche und sagte, dass uns das Wasser guttun würde. Wir nahmen alle ein paar Schlücke und... wachten gefesselt wieder auf. Er hatte uns an einen Baum gebunden und starrte uns mit einem wahnsinnigen Blick an.“
Fiona erschrak. „Das... das ist ja grauenhaft! Was geschah dann?“
„In seiner Hand hielt er ein dünnes Fläschchen mit einem Zerstäuber. Er lachte und sagte uns, dass wir die letzte Hoffnung für alle seien. Wir verstanden ihn nicht. Dann richtete er die Flasche auf uns und benetzte uns mit einer bläulich leuchtenden Flüssigkeit...“
Ich konnte mir nun denken, wohin das Ganze führte, ließ Ava aber ausreden.
„Als wir wieder zu uns kamen, waren wir Riesen. Wir konnten es nicht fassen. Der Mann stand zu unseren Füßen und lachte wie ein Verrückter. Er schrie uns an. Wir sollten zurück zu unserer Heimatinsel und alle Feinde plattmachen! Ich... ich beachtete ihn und sein Gerede aber nicht. Ich sank zu Boden und fing an zu weinen... schließlich hatte er uns in Monster verwandelt!“
Mal wieder konnte ich nicht glauben, was passiert war. Das klang wie eine Geschichte aus einem Märchenbuch! Auch Fiona wirkte sichtlich geschockt. Sie hatte ihre Hand über den Mund gepresst und lauschte gebannt.
„Anina war... wütend. So wütend, dass sie ihn auf der Stelle...“
Ava sah erneut zu Boden und schwieg.
Trotz aller Sentimentalität konnte ich nun nicht mehr anders. Ich musste es einfach ansprechen.
„Und seitdem seid ihr hier und... terrorisiert die Dorfbewohner?“
Ava sah mich schockiert an.
„N-Nein...! So ist es nicht!“
Fiona wurde nun auch etwas mutiger. „Wie würdet ihr das heute morgen denn sonst bezeichnen?“
„Das ist Aninas Schuld! Ihr müsst mir glauben! Melina und ich würden nie... Sie zwingt uns dazu! Wir können nichts tun! Sie ist viel stärker als wir! Wir sind auf sie angewiesen!“
Ich wusste zunächst nicht, wie ich reagieren sollte, nickte aber schließlich verständnisvoll. Ich glaubte ihr tatsächlich.
„Keine Sorge, ich glaube euch“, antwortete ich ihr. „Aber wieso seid ihr nicht zu eurer Heimatinsel zurückgekehrt?“
Ava wirkte frustriert. „Ich... ich würde gehen und helfen, aber... wir würden den Weg niemals ohne einen Navigator finden! Anina hat uns verboten, zu gehen! Sie genießt ihre Macht und sagte, dass es das Beste sei, was ihr je passiert ist...!“
Das war mein Stichwort. „Ich verstehe. Aber genau da kommen wir ins Spiel. Wir haben einen Vorschlag für euch.“
Die Riesin schaute gebannt auf meinen für sie winzigen Körper hinab. „Ja...?“
„Fiona hat eine Phiole mit Schlangengift! Wir glauben, dass wir Anina damit vergiften könnten. Ihr wärt frei, und die Dorfbewohner könnten zu einem normalen Leben zurückkehren! Was sagt ihr?“
Ava schien geschockt.
„Das... das geht leider nicht.“
„Wieso?“, fragte ich sie herausfordernd.
„Sie ist meine große Schwester. Ich werde meine eigene Schwester nicht vergiften – und IHR werdet das auch nicht tun. Haben wir uns verstanden?“
V-Verdammt! Das konnte doch nicht wahr sein!
„Und was schlagt ihr vor, Ava? Was sollen wir tun?“
Die Gigantin sah wieder zu Boden. „Ich... ich weiß es nicht...“
- - -
Und wieder hockte ich mit Fiona im dunklen Zimmer der alten Dame.
Fiona starrte mit leerem Blick aus dem Fenster. „Das ist ja super gelaufen, Captain.“
„Wer konnte das denn auch ahnen? So ein großartiger Mist! Wir sind am Ende!“
„Immerhin ist unserer Crew nichts passiert. Sie sind am Leben. Das ist doch immerhin etwas Positives.“
„Ja. Das ist es. Ich würde gern mit ihnen sprechen...“
„Ava erwähnte, dass Anina sie befragen möchte. Wahrscheinlich denkt sie, sie wären vom Feind gesandt...“
„Halte ich auch für möglich“, antwortete ich. „Aber wir können nicht einfach zu den Riesen spazieren und sie danach fragen.“
Fiona dachte kurz angestrengt nach. „Captain. Eine Idee hätte ich vielleicht doch noch. Es ist eigentlich unlogisch, aber vielleicht doch möglich.“
Ich blickte ungläubig zu ihr herüber. „Ach ja? Lass hören.“
„Was wäre, wenn wir Avas Rettungsboot finden und es untersuchen? Was ist, wenn der wahnsinnige Mann noch mehr von dieser Flüssigkeit dabei hatte?“
War sie nun völlig durchgedreht? „Und was sollte das bitte bringen?“
„Nun. Es gäbe eine Möglichkeit, wie wir Anina in Schach halten könnten, wenn wir ihr schon keinen Schaden zufügen dürfen...“
„Warte. Warte. Verstehe ich das gerade richtig? Du willst Ava und Melina noch größer machen, damit sie sich Anina schnappen und verschwinden?“
Fiona lächelte beinahe diabolisch. „Korrekt, Captain.“